Leseprobe "Sturm" PDF Drucken E-Mail

Ein Wassertropfen hatte sich aus ihren Haaren gelöst und rollte nun ganz sanft und neugierig an ihrem Hals hinab. Fasziniert beobachtete er, wie der Tropfen durch ihre gierigen Schluckbewegungen umgelenkt wurde und sich in der kleinen Kuhle über ihrem Brustbein sammelte. Langsam wurde aus dem einzelnen Tropfen ein kleiner See und als dieser überlief, stürzte sich der kleine Tropfen übermütig hinab über das Brustbein und die noch immer sichtbare Narbe dort.

Wie würde sie wohl reagieren, wenn sie ihn das erste mal sehen konnte? Mit Furcht, die ihrem zarten Duft eine so intensive Note gab? Mit dem Versuch, ihn zu töten? Würde er sie töten müssen? Der Gedanke wollte ihm nicht recht gefallen, auch wenn sie all seine Instinkte ansprach. Vielleicht könnte er sie betäuben und dann zu der alten Frau in die Menschensiedlung bringen.

Der kleine Tropfen hatte inzwischen seinen Weg weiter fortgesetzt und war unter der leichten Decke verschwunden. Hatte er in ihrem Nabel eine Rast eingelegt, oder war er gleich den ganzen Weg gegangen, begierig, sich mit ihren Tropfen zu vereinen?

(Auszug aus der Geschichte "Sturm" von Dorée Hirsch)